Die PTB blickt auf drei Jahre Ukraine-Hilfe zurück und begleitet das Land in die europäische Zukunft.
Hilfe in Kriegszeiten kann sehr unterschiedlich aussehen. Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) hat ihren eigenen Weg gefunden und unmittelbar nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine eine Task-Force ins Leben gerufen. Ihr Ziel: Die Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine unmittelbar mit dem zu unterstützen, was sie gerade brauchen – von der Hilfe bei der Evakuierung über Stromgeneratoren und Arbeitsmittel bis zur Hilfestellung auf dem institutionellen Weg in die EU.
Nächtliche Bombenalarme, zerstörte Gebäude, zeitweise weder Strom noch Heizung. „Damit dennoch so etwas, wie ein halbwegs normales Arbeiten möglich ist, haben wir unsere Partnerinstitute mit Stromgeneratoren versorgt und den Kolleginnen und Kollegen eine IT-Ausstattung verschafft, die ihnen die Arbeit auch vom Fluchtort in der Ukraine aus ermöglicht“, erklärt Moritz Ackermann, der mit seinem Kollegen Wolfgang Schmid seit Februar 2022 die Ukraine-Hilfe der PTB koordiniert. „Die PTB ist schließlich Teil einer weltweiten wissenschaftlichen Gemeinschaft für das genaue Messen, wir helfen uns natürlich gegenseitig!“ fügte Schmid hinzu.

PTB als Zufluchtsort
Um Schutz und eine Perspektive während der Kriegszeit zu geben, bot die PTB ukrainischen Kolleginnen und Kollegen sowie ihren Angehörigen an, nach Braunschweig zu kommen, und sie hier zu unterstützen. 18 von ihnen nahmen das Angebot an, einige von ihnen arbeiten nun in der PTB. Eine von ihnen ist Karyna Romanadze. Vor dem Krieg hat sie im Metrologischen Institut in Charkiv gearbeitet, einer Stadt nahe der Front, die schon zahlreiche russische Angriffe erleben musste. An einem Samstag im September 2022 nahm Ackermann sie, ihren Mann und den einjährigen Sohn in der PTB im Empfang. „Wir durften in den ersten Monaten im Gästehaus der PTB leben“, erzählt die 35jährige und ist dankbar für die Hilfe der Kolleginnen und Kollegen. „Sie haben uns bei Behördengängen unterstützt, für uns übersetzt und einen Platz im Kindergarten besorgt. Die Hilfsbereitschaft der Menschen in der PTB ist sehr groß.“ Romanadze spricht mittlerweile sehr gut Deutsch und arbeitet in Teilzeit als Grafikerin und Projektassistentin in der PTB. Sie sagt: „Ich bin froh, dass ich hier arbeiten und viel lernen kann.“
Metrologische Unterstützung bedeutet: „Wir glauben an euch!“
Inzwischen hat sich der Schwerpunkt von der unmittelbaren Kriegshilfe verlagert zu technisch-fachlicher Unterstützung. „Jede metrologische Unterstützung heißt ja gleichzeitig: Wir glauben an euch! Deshalb unterstützen wir Euch dabei, Eure Zukunft selbstbestimmt zu gestalten!“ sagt Schmid. Er leitet in der PTB das Referat Industrielles Messwesen und weiß, wie wichtig eine funktionierende Qualitätsinfrastruktur – also Messtechnik, Qualitätskontrolle und Marktüberwachung – sind, um am internationalen Handel teilnehmen zu können. Cornelia Denz, die Präsidentin der PTB, machte das auch auf der Ukraine-Wiederaufbau-Konferenz 2024 deutlich: „Die Metrologie bildet gerade in Krisenzeiten verlässliche Brücken und sorgt damit für Stabilität. Heute ebnet sie den Weg für Wiederaufbau und Innovation in der Ukraine.“

Zahlreiche PTB-Laboratorien haben sich mächtig ins Zeug gelegt, um das Land auch in Krisenzeiten zu bezüglich seiner Qualitätsinfrastruktur zu unterstützen: „Wir haben beispielsweise 110 zum Teil recht große Messgeräte aus der Ukraine hierher transportieren lassen und in den Laboratorien der PTB kalibriert“, berichtet Ackermann. „Das war schon allein logistisch keine Kleinigkeit, denn Speditionen der EU fahren nicht in das Kriegsgebiet.“

Die Arbeit hat aber auch eine persönliche Komponente. Wolfgang Schmid erinnert sich noch gut an Jurii Kuzmenko, den Vizedirektor des Metrologischen Instituts (UMTS) in Kyjiw, der im vergangenen Jahr die PTB besuchte. „Er sagte sinngemäß: ‚Wenn wir nichts tun würden, würden wir verrückt werden. Weiterzuarbeiten hilft uns, an die Zukunft zu glauben‘.“

Zukunft heißt vor allem: mehr Europa und EURAMET
In schwierigen Zeiten braucht man verlässliche Partner. Bereits im Jahr 2022 stellte das ukrainische Wirtschaftsministerium den Antrag auf Mitgliedschaft in der europäischen Metrologieorganisation EURAMET. Damit begann die schrittweise Integration der Ukraine in die europäische Metrologielandschaft.
Unter dem Dach von EURAMET arbeiten europäische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam an neuer Messtechnik für die großen Herausforderungen unserer Zeit: die Dekarbonisierung der Energiesysteme, Messtechnik für eine moderne personalisierte Medizin und der Unterstützung der europäischen Industrie durch Dienstleistungen für Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Quantentechnologie. EURAMET ist ein starkes Team, das die ukrainischen Metrologieinstitute mit offenen Armen aufnimmt. Die ersten unterstützenden Audits laufen bereits – trotz des Krieges.
Beratung im Auftrag der EU-Kommission
Schmid und Ackermann sind allgegenwärtig, wenn es um die Unterstützung der Ukraine geht. Sie koordinieren die Beratung für das ukrainische Wirtschaftsministerium, das Normungsinstitut, die nationale Akkreditierungsstelle sowie vier Metrologieinstitute. Sie begleiten Audits zur Überprüfung von ISO-Normen für Kalibrierlaboratorien, Managementsysteme und Produktzertifizierungen. Und sie sind im Auftrag der EU-Kommission unterwegs, um zu ermitteln, ob die Qualitätsinfrastruktur des Landes bereits den Ansprüchen genügt, um ein Abkommen über die Konformitätsbewertung und Anerkennung von Industrieprodukten zu schließen. Ein Schlüssel für eigene wirtschaftliche Stärke.
Die PTB unterstützt die Ukraine: Mit dem persönlichen und häufig ehrenamtlichen Engagement der Mitarbeitenden, mit eigenen finanziellen Mitteln und über Vorhaben des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK). Hinzukommt die Unterstützung durch Projekte der Europäischen Partnerschaft für Metrologie, die wegweisende Metrologieforschung für ganz Europa ermöglicht. Auch die ukrainischen Kolleginnen und Kollegen sind schon aktiv dabei!
Ansprechpartner
- Dr. Wolfgang Schmid, Leiter des Referats 9.1 Industrielles Messwesen, in dem auch das International Office der PTB angesiedelt ist. Es koordiniert wichtige Auslandsaktivitäten der PTB und kümmert sich um Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler sowie internationale Mitarbeitende. Tel.: (0531) 592 9100, E-Mail: wolfgang.schmid@ptb.de
- Moritz Ackermann, Sachgebiet 9.13 Institutionelle Partnerschaften, Tel.: (0531) 592 8219, E-Mail: moritz.ackermann@ptb.de
Zum Titelbild: Annette Röttger empfing 2024 als Mitglied des PTB-Präsidiums Oleksandr Pankov, Abteilungsleiter für Technische Regulierung des ukrainischen Wirtschaftsministeriums (beide mittig im Bild) samt metrologischer Delegation. Ganz rechts: Moritz Ackermann.
Dieser Text wurde zuerst am 24. Februar 2025 als Presseinformation der PTB veröffentlicht.
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